Herbst 2021 / Frühjahr 2022

Michel Kaufmann

Perspektiven

Wir stehen in einem Raum. Blicken uns um, nehmen wahr. Was wir sehen setzen wir in Bezug zueinander – und wichtiger noch: in Bezug zu uns. Wir nehmen eine Perspektive ein. Wir interpretieren, schlussfolgern, lernen.

Und das tun wir andauernd, unablässig. Unser Blick in die Welt bestimmt wie sie aussieht und wie wir in ihr agieren. Die Philosophie kennt dieses Prinzip als Perspektivismus. Visuelle Wahrnehmung ist also nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Denn die Idee der Perspektive schafft Wahrnehmung auf allen Ebenen. Ein Beispiel ist die Bedeutungsperspektive in der frühen Malerei, nach der bedeutende Personen größer dargestellt werden als Randfiguren. Entsprechend werden sie vom Betrachter als solche auch wahrgenommen.

Spannend wird es vor allem dann, wenn wir unsere Position verändern. Denn wir sind glücklicherweise in der Lage, uns ganz bewusst auch andere Perspektiven anzueignen – oder Mitmenschen „unsere“ Perspektive einnehmen zu lassen. Menschen, Dinge und Zeitläufe erscheinen so im wahrsten Sinne in neuem Licht.

Dieses Spiel mit der Perspektive ist sehr menschlich. Es weckt den Entdecker in uns – und je offener und aufgeschlossener wir gegenüber anderen Perspektiven sind, umso mehr können wir experimentieren und uns weiterentwickeln. In dieser Saison wollen wir gemeinsam auf Entdeckungstour gehen. Wir wollen neue Perspektiven einnehmen, sowohl visuell, künstlerisch als auch ideengeschichtlich.

Denn Perspektiven bestimmen nicht nur unsere Wahrnehmung. Sie bestimmen unser Leben, unseren Alltag. Nahezu alles lässt sich in Bezug zueinander und zur eigenen Position setzen. Das ergibt unendlich viele Möglichkeiten. Schafft Licht, wo vielleicht Dunkelheit herrschte und Grauzonen, wo wir vorher allzu sicher waren.

„Kultur auf der Spur“ lädt Sie herzlich zu dieser Entdeckungstour ein.

 

Dr. Matthias Eigelsheimer - Max Frischs 'Biographie - ein Spiel' und die Frage der Perspektive

Goethe sprach gelegentlich von der Literatur als einem 'sehr ernsten Spiel' und Max Frisch beschrieb in seinem auf deutschen Bühnen oft gegebenen Schauspiel 'Biographie - ein Spiel' den Versuch eines Menschen, sein Leben rückwirkend zu ändern, wenn man in der Lage wäre, von seinen Erfahrungen und Erinnerungen wirklich zu profitieren. Es ist ein Spiel mit Perspektiven - gibt es, gab es, betrachtet man sein Leben - nur diesen einzigen Weg, den man letztlich beschritt? Wie hätte es die Perspektive auf das Leben geändert, wenn man um bestimmte Ereignisse bereits vorher gewusst hätte? Hätte man nun alles anders gemacht? Frischs Stück nachzeichnend, wollen wir der Verwandtschaft von 'Spiel' und 'Perspektive' einmal nachgehen und wirklich die Möglichkeit überprüfen, uns in einem anderen Licht zu sehen, als wir das gewohnt sind.

Dieser Vortrag wird Ihnen kostenfrei angeboten. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, werden Sie hier Mitglied!

Programm


Mittwoch, 00:00 Uhr

www.kultur-auf-der-spur.de

Gerhard Kollmer
Gerhard Kollmer
Friedberg

„Perspektive“ – Geschichte und Facetten eines schillernden Begriffs

Die häufig gebrauchten Ausdrücke „Perspektive“ bzw. „Perspektivismus“ werden im Alltag oft unreflektiert verwendet. Dieser Vortrag wandelt auf den historischen Spuren des Begriffspaars und versucht anhand von philosophischen Textbeispielen aus drei Jahrhunderten von der Aufklärung bis zur Existenzphilosophie dessen Substanz und Relevanz zu ergründen.

Dieser Vortrag entfällt.


Montag, 19:30 Uhr

Theater Altes Hallenbad

Dr. Matthias Recke
Dr. Matthias Recke
Universität Frankfurt

Bild, Raum und Perspektive in Kunst und Architektur der Antike

Gilt die künstlerische Perspektive gemeinhin als Erfindung der Renaissance, sind doch erste Ansätze bereits aus der griechischen Antike bekannt und in reichen Zeugnissen der Vasen- oder der Wandmalerei zu fassen. Doch auch ein Blick auf die Bildkunst vor der Entdeckung der Perspektive und ihren spezifischen Umgang mit Phänomenen der Räumlichkeit ist lohnend. Der Vortrag will die Erschließung von Raum im Bild in der antiken Kunst aber nicht nur im wörtlichen Sinne verstanden wissen, sondern will auch im übertragenen Sinne die Perspektive erweitern: So spielt die Frage nach dem Raum im Raum, dem Bild im Bild, aber auch die Einbeziehung von Natur und geführter Betrachterperspektive in der Architektur ebenso eine Rolle wie der Blickwinkel des Künstlers und seines Werks auf seine Umwelt und die Rückschlüsse, die daraus wiederum auf die Mentalität der Gesellschaft geschlossen werden können.

Eintrittspreise

Erwachsene: 7 €
Mitglieder: 5 €
Schüler und Auszubildende: 2 €


Montag, 19:30 Uhr

Theater Altes Hallenbad

Prof. Peter Schubert
Prof. Peter Schubert
Friedberg

“Oh, welch süßes Ding ist doch die Perspektive!“

Der Maler Paolo Uccello habe, so wird berichtet, seine Ehefrau vernachlässigend, auf den Schlaf verzichtet, um die Zentralperspektive zu erforschen. Ob Legende oder nicht, treffend ist damit die Begeisterung der Künstler im 15. Jahrhundert über die Erfindung einer Methode zum Ausdruck gebracht, die es möglich machte, auf der ebenen Bildfläche den Eindruck von Tiefenraum zu schaffen, der dem Blick auf die Wirklichkeit in verblüffender Weise entsprach. Mehr noch: die Anwendung erkannter Gesetze des Sehens ermöglichte es, in subjektiver Sicht Objekte, Figuren und Räume in bisher nie gesehener Weise zu inszenieren. Damit erweist sich die Zentralperspektive nicht nur als eine in ihrer Zeit revolutionäre Darstellungsmethode, sondern auch als symbolische Form für eine neue Weltanschauung zu Beginn der Neuzeit.

Eintrittspreise

Erwachsene: 7 €
Mitglieder: 5 €
Schüler und Auszubildende: 2 €


Montag, 19:30 Uhr

Theater Altes Hallenbad

Ursula Stock
Ursula Stock
Friedberg

„Und sie bewegt sich doch“? Nur, wenn die Kirche es erlaubt.

Galileis umstürzlerische Behauptung, nicht die Erde, sondern die Sonne stehe im Mittelpunkt der Welt, findet in Rom begeisterte Anhänger, auch kirchengebundene. Zu ihnen gehört der Kardinal Barberini. Als er aber zum Papst gewählt worden ist, muss er die Perspektive wechseln. Die Umkehrung des traditionellen Weltbildes, die der Privatmann, selbst der Kardinal, als große Entdeckung bewundert, kann das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht dulden.

Eintrittspreise

Erwachsene: 7 €
Mitglieder: 5 €
Schüler und Auszubildende: 2 €

anschließend Jahreshauptversammlung für 2021

Kultur auf der Spur - Volksbildungsverein Friedberg/Hessen e.V.

ist ein alter Verein mit einem immerjungen Ziel.
Im Gründungsjahr 1872 wollte er “das Volk bilden”.
Heute ist er “der Kultur auf der Spur”.

Dazu bietet er Vorträge zur europäischen Kulturgeschichte an, immer montags, 19:30 Uhr.
In jeder Saison wird über ein Thema gesprochen, quer durch die Jahrhunderte in verschiedenen Ländern.

Mitschnitte ausgewählter Vorträge befinden sich auf unserem Youtube Kanal.

Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, werden Sie Mitglied!

Jahreshauptversammlung:
Montag, den 7. März 2022 im Anschluss an den Vortrag